Landeinwärts zur Stadt der tausend Fenster Berat
Mit etwa 60.000 Einwohner stellt Berat bereits die neuntgrößte Stadt Albaniens dar. Schon am Stadteingang sind zwei Dinge auffällig. Neben dem ansonsten weit verbreiteten Müllproblem im Land wird es hier auffällig sauber. Weder am Straßenrand noch in den Grünflächen links und rechts der Straße finden sich Abfälle.
Die Gebäude mit ihren Fenstern geben einen ersten Vorgeschmack auf den zutreffenden Beinamen der Stadt. Sie sind zwar nicht gleich, aber doch ähnlich in der Gestaltung und Form, sodass sich eine nicht zu übersehende Zusammengehörigkeit ergibt. Die Häuser scheinen in den Berg hinein gebaut zu sein. Die gleich ausgerichteten Gebäudefronten und symmetrisch verteilten, fast immer gleich großen Fenster wirken wie ein großer Komplex. Der Kreisverkehr, den wir nach etwas Stau passieren, unterstreicht in Messingfarbe die Fenster als Besonderheit von Berat.
Durch Zufall ergattern wir einen Parkplatz direkt am Straßenrand, nur wenige Meter entfernt von der hübschen Steinbrücke Gorica Bridge. Diese überqueren wir als erstes und gönnen uns bei der Hitze kalte Drinks und ein Eis. Mit dem Wirt der kleinen Bar, der ein paar Worte deutsch spricht, unterhalten wir uns ein wenig über das Leben hier. Wir sprechen über seine Kurzaufenthalte in Deutschland und erfahren seine Sicht auf die Mieten und Mieterwahl in München. Das entspricht in jeglicher Hinsicht so ziemlich dem Gegenteil von Berat. Wir schlendern das Gegenufer entlang und nehmen die Fußgängerbrücke flussaufwärts.
Die Altstadt von Berat
Auf dem Weg in die Altstadt passieren wir einen weiteren Kreisverkehr. Noch auf der Brücke fallen die Trillerpfeifen auf. Beim Näherkommen erkennen wir die Geräuschquelle: Verkehrspolizisten. Trotz Unterstützung des Kreisverkehrs mit moderenen Ampeln, die sogar Sekundenanzeigen besitzen, scheint es notwendig den Verkehr zu regeln. Unregelmäßig pfeifend und wild mit Plastikkelle fuchtelnd regeln die vier Polizisten synchron zur Ampel den Verkehr. Sie motivieren durch energisches Gestikulieren entwerden die Autofahrer zur zügigen Überquerung oder ermöglichen den Fußgängern ein sicheres Queren an den Überwegen.
Der sich anschließende, verkehrsberuhigte Innenstadtbereich ist gesäumt von ein paar Geschäften und hauptsächlich Bars und Restaurants. Auf der anderen Seite zieht sich ein Park entlang der großzügigen Fußgängerzone. Es gibt Palmen, Kastanienbäume mit noch unreifen Kastanien, Kinderspielgeräte und 1-2 Parkplätze am Ende Richtung Straße. Das größte Gebäude könnte dem Baustil nach ein Regierungsgebäude sein, entpuppt sich jedoch als eines der Hotels der Stadt.
Wir schlendern über den Bulevardi Republika und finden unabhängig voneinander das Restaurant Zgara Zaloshnja. Es gibt klassisches Essen: Salate, Gegrilltes vom Huhn, Schwein, Lamm und Ziege, Qofte, Byrek, Auflauf und verschiedene Käse. Wir essen für kleines Geld wirklich lecker und genießen besten Service. Es ist spürbar, dass der Tourismus schon ein paar Schritte weiter ist als auf unserer bisherigen Route.
Wenn auch das nach Rathaus anmutende Gebäude am Ende auch ein Hotel, diesmal mit Supermarkt im Erdgeschoss, ist, finden wir historische Gebäude: eine Moschee, eine Tekke und das Derwisch-Haus ‘Konakët e dervishve’. Wir kaufen ein paar Lebensmittel und vor allem Wasser ein, versorgen die Kinder einmal mehr mit Eis, ziehen über den Platz im Zentrum Berats und schnappen ein Taxi zurück zum Campsite.
Wachsender Tourismus am Berat Castle
Am Folgetage stärken wir uns gemütlich beim Frühstück, satteln die Kraxe und machen uns auf den Weg zum Berat Castle. Am Nachmittag zurvor waren wir bereits kurz mit dem Auto unterwegs auf den Berg und haben uns gefragt ob angesichts der Höhenmeter wohl überhaupt jemand den neu angelegten Gehweg benutzen wird. Heute sind wir es schon, aber auch die einzigen. Wir schlängeln uns auf dem Steinweg die kurvige Strecke nach oben und erreichen etwa 30 Minuten später die 130 Meter höher gelegene Burg.
Die touristischen Ansätze sind nicht zu übersehen, wenn sie auch noch in den Anfängen stecken. Logistisch ist die rätselhafte Zufahrt mit kreuz und quer parkenden Autos eine Katastrophe. Die Zufahrt zum Schloss ist steil, besteht aus teils rutschigen Steinen und ist mit ordentlichen Absätze abseits davon unbefestigt. Uns amüsiert uns das ein oder andere Fahrmanöver beim achtsamen Anstieg zum Torbogen. Noch sind die installierten Ski Data Drehkreuze inaktiv, aber in nicht allzu ferner Zukunft wird es hier wohl Tickets geben und Eintritt kosten.
Die Burganlage ist in ursprünglichem Zustand. Neben der Burgmauer und den normalen Gebäuden, sind auch die Überreste der Kirche Shën Gjergji (Saint George) und der Moschee Xhamia e Kuqe (Red Mosque) Teil der Anlage.
Es ist doch immer wieder erstaunlich mit welchem Schuften solche Erschaffungen einst gebaut wurden. Potential ist vorhanden, für den großen Tourismus muss aber noch was passieren. Angefangen vom Parken, über die Logistik und bis hin zu etwaigen Absturzsicherungen, die derzeit überhaupt nicht vorhanden sind.
Berat Viewing Platform
Ein weiteres Highlight hier oben ist die Berat Viewing Platform am Rande der Burgmauer. Die Aussicht ist der pure Genuss. Der Blick umfasst beinahe 270 Grad und ermöglicht beiderseits weite Blicke in das Tal das Osum.
Auf dem Weg durch die Burg waren uns bereits zwei tolle Restaurants aufgefallen, angesichts des Wegs entscheiden wir uns aber für die kleine Bar Te Zalua. Unsere Bestellung umfasst etwas zu viel. Mit glimmendem Kaffee kämpfen wir uns gegen ein paar Wespen und Hornissen durch die Hälfte des Essens. Den Rest packen wir ein, das reicht für ein weiteres Mittagessen.
Entlang der Rruga Mihal Komnena steigen wir mit Blick auf die Stadt wieder ab.
Markt statt Einzelhandel
Natürlich gehört es dazu, in diesen Ländern auch einen der typischen Märkte zu besuchen. Gut sortierter Einzelhandel ist hier Fehlanzeige. Bunt zusammengewürfelt findet sich hier so ziemlich alles, von Kleidung und Kochuntensilien bis hin zu Spielsachen und Werkzeugen als auch Lebensmitteln. Es herrscht reges Treibens, ein Kommen und Gehen mit kreativem Parken entlang der Straße. Marktschreier preisen ihre Ware an. Angenehm ist die Zurückhaltung im Gegensatz zur oft vorhandenen Aufdringlichkeit, die einem den Besuch schnell vermiesen kann.
Camping in Berat
Etwas überraschend finden wir die Anzahl von Camping Möglichkeiten. Uns fallen viele Schilder am Straßenrand auf und auch die Suche bei Google Maps erreicht viele Treffer. Die meisten davon sind gut bis sehr gut bewertet. Wir entscheiden uns für den Agro Camping Harmony Berat, bei 236 Bewertungen mit sage und schreibe, fast unglaublichen 5,0 Sternen bewertet. An der geschotterten Einfahrt einer kleinen Kreuzung begrüßen uns die Fahnen von Albanien und der EU. Vermutlich gleichermaßen ein Willkommen an die Gäste und ein Ausdruck des Beitrittsanspruchs. Empfangen werden wir von der überaus freundlichen Schwester des Besitzers (wenn wir das richtig mitgeschnitten haben), die mit sehr gutem Englisch glänzt. Das soll sich auch beim Hausherr (und seiner Frau?) nicht ändern. Es geht mit der gleichen Gastfreundlichkeit und besten Laune weiter, mit Englisch etwas dünner.
Angenehmer Schatten zwischen Trauben und Oliven
Der Campsite ist eingezäunt, der Zaun mit grüner Netzplane bespannt. An einem Ende stehen kleine Olivenbäume im Grasstreifen. Kleine Tische und Stühle laden zum Verweilen ein. Am anderen Ende stehen Weinreben in einigen Reihen, deren Geruch mit jedem Meter stärker wird. Eine Hand voll aufgeweckter Hühner springt über den Platz, Nachbars Hund bellt hin und wieder.
Die 20 sehr großzügigen Stellplätze in drei Reihen stehen unter einem Gerippe, das den Eindruck eines überdimensionalen Gewächshauses hat. Die Seiten sind offen, die Bögen ebenso mit grünem Netzstoff bespannt. Das sorgt für etwas Beschattung, bleibt aber offen für die Luft und nimmt kein Licht weg. Eine tolle und äußerst praktische Idee für die heiße Region.
In drei Containern verstecken sich ein Minibüro mit kleiner Küche, und die äußerst sauberen sanitären Anlagen. Stolz präsentieren sich an der Außenwand die besten Bewertungen in ausgedruckter Form. Zurecht, die Bewertung bei Google ist absolut gerechtfertigt. Wir lassen ebenfalls 5 Sterne da.


