Die Stadt der tausend Stufen Gjirokastër
Es war sogar Teil unserer nahezu nicht vorhandenen Reisevorbereitungen. Und unterwegs haben wir zwei weitere Empfehlungen für dieses Städtchen erhalten. Also machen wir uns auf den Weg in die Stadt der tausend Stufen Gjirokastër.
Mittagspause in Përmet
Aufgrund unserer morgendlichen Badesession kommen wir erst spät am Campingplatz los. Wir erreichen das kleine Örtchen Përmet zur perfekten Zeit für ein Mittagessen. Daher wählen wir eines der Restaurants im Ortskern. Bereits bei der Einfahrt fällt uns auf, dass es auch hier deutlich sauberer aussieht. Es geht über eine alte weiße Brücken. Der Schriftzug Përmet ziert in bunten Buchstaben den mit Büschen bewachsenen Hang an der T-Kreuzung. Wir fahren links und kommen aus die sehr ordentlich gepflasterte Straße durch die Ortsmitte. Großzügige Flächen und eine Parkanlage fallen uns ins Auge.
Auch hier ist es sauber und ordentlich. Die zentrale Straße ist auf der einen Seite mit Restaurants und Shops gesäumt, gegenüber eine Art Marktplatz, mit Statue, Skulpturen, Sitzbänken und Grün. Sogar eine inszenierte Plastiksammelbox steht prominent auf dem überbreiten Geweg. Offenbar ein Schritt um das Bewusstsein für den Umgang mit Abfällen zu schaffen. Am Kopfende steht ein ungewöhnlich großes Hotel. Wir speisen lecker, vertreten uns etwas die Füße und düsen weiter.
Wunderschöne und unglaubliche Brücken
Einiges in Albanien ist sehr alt, so auch die meisten der unendlich vielen Brücken. Sie sind überall anzutreffen. Es spielt keine Rolle, ob in den Bergen, an den Flüssen oder einfach so entlang der Straße. Nur selten geht es einfach so halbwegs flach zu. Oft sind die Brücken sehr alt und haben dann meist einen individuellen Baustil.
Fußgängerbrücke
Auf dem Fahrt Richtung Gjirokastër passieren wir die super schöne Fußgängerbrücke Ile. Wir fahren fast daran vorbei, entdecken wir sie doch erst im letzten Moment. Die Hängebrücke ist eine absolute Schönheit. Vermutlich ist es die einfache Bauweise, die ihr den Charme verleitet. Die rostigen, tief braunen Stahlseile fügen sich perfekt in die Umgebung, die verwitterten Holzdielen sind in gutem Zustand, Kanthölzer sollen den Übergang etwas weniger rutschig machen.
Und dann passt diese Brücke auch noch perfekt in die Landschaft. Die ockerfarbenen Felder gehen immer mehr in grünes Busch- und Waldland über bevor der teils bewölkte Himmel mit kräftigem Helblau. Die olivgrüne Wasserfarbe tut ihr übriges dazu. Ein Genuss.
Abenteuerliche Autohängebrücke
Aufgepasst, es wird noch abenteuerlicher. Auch dieses Highlight erspähen wir im letzten Augenblick. Wir biegen nach links von der Straße ab und fahren um eine Ecke. Zwischen Uferböschung und wild bewachsenem Mäuerchen wird es etwas eng und nur wenige Meter später geht es 90 Grad nach links auf die Brücke Ura e Hormovës. Beim Einbiegen ist Vorsicht angesagt. Die großen Steine und Stahleinfassungen werden nicht nachgeben.
Eine Beschilderung zur Belastbarkeit gibt es natürlich nicht. Wir unterstellen, dass sie für ein Auto der normalen Gewichtsklasse bis 3,5t wohl geeignet sein wird.
Nach kurzem in Szene setzen geht es dann los. Susi überquert die Brücke, ich bleibe zum fotografieren am Ausgangspunkt. Kaum berühren die vorderen Räder die Brücke, geht das Quieken und Knarzen los. Durch das langsam zunehmende Gewicht spannen sich die Tragseile und der stählerne Brückenboden senkt sich etwas ab. Mit jedem Meter schiebt sich dieses Stelle etwas weiter. Vom Ufer ist die langgezogene Wellenbewegung deutlich zu erkennen. Es ist schwer zu sagen, welches der Geräusch das eindrucksvollste ist: das Knarren und Klappern der überfahren Holzdielen, das Abrollgeräusch der Reifen auf den abgenutzten Hölzern mit ihren Nägel und Schrauben, das Knarzen der Stahlseile oder die quietschenden Verwindungsgeräusche der Grundkonstruktion der Brücke. In jedem Fall ein gigantisches Erlebnis. Wir freuen uns darüber, es nicht verpasst zu haben.
Wer genau hinschaut erkennt etwas tiefer und versetzt eine weitere Brücke. Wir wissen nicht ob diese in Benutzung ist. Sie erinnert eher an einen Hochseilgarten. Bei dieser Kulisse aber auch ein schönes Vergnügen.
Gjirokastër
Zwanzig Jahre bereits ist Gjirokastër als UNESCO Weltkulturerbe gelistet. In den letzten Jahren sind viele Geldern in den Süden Albaniens geflossen. Zweifelsohne sammeln sich hier ein paar Highlights. Gjirokastër ist eines davon.
Altstadt
Schon nach wenigen Metern zu Fuß fällt auf, wie die Dinge hier zu stimmen scheinen. Alles ist nicht nur gepflegt sondern wunderbar in Schuss und aufeinander abgestimmt in Form und Farbe. Die wunderschöne und gigantisch erhaltene Altstadt heißt ihre Gäste auf sympathischste Art und Weise willkommen. Wohlfühlfaktor ist angesagt. Durch kleine Gassen, von denen keine wie die andere ist, geht es von unserem Parkplatz in die Mitte der Altstadt. Selten geht der Weg mehr als 30 Meter gerade aus, die enorme Hanglange macht jede Ecke einzigartig. Das Zentrum der Altstadt bildet eine Kreuzung mit vier fünf Teilen. Von hier verzweigt es sich, der Bereich ist verkehrsberuhigt, was angesichts der sehr geringen Breite auch kaum anders möglich wäre.
Die Burg von Gjirokastër (Kalaja e Gjirokastrës)
Hoch oben auf dem Berg und der höchsten Erhebung der Stadt thront die Burg von Gjirokastër (Kalaja e Gjirokastrës). Wir nehmen den Weg auf uns und erklimmen die steilen, teils rutschigen Kopfsteinplasterstraßen.
Durch die mächtigen Mauern betreten wir das Burggelände. Erstmals in Albanien wird ein Eintritt fällig, der aber moderat und gerechtfertigt ist. Der zentrale Teil der Burg ist gut erhalten während weite Teile außerhalb den vielen Erorberungen und Angriffen zum Opfer gefallen sind. Das zweite Portal im Osten und der Turm Richtung Tal wiederum strahlt in bester Verfassung. Im Inneren der Burg sind Kanonen aus verschiedensten Zeiten ausgestellt, eine Tafel informiert über die Geschichte der Burg und damit Gjirokastërs. Von Burgmauern und Plätzen ergeben sich an vielen Stellen tolle Ausblicke auf die Stadt und das Tal.
Weil es so schön ist, wurde im unteren Teil des Außenbereichs eine Bühne errichtet. Terrassenförmig, halbrund sind Reihen für Sitzgelegenheiten angelegt. Eine Aufführung in diesem Ambiente kann nur schön sein.
Hier oben nahm alles seinen Anfang. Man geht davon aus, dass bereits ein paar Jahrhunderte vor Christus eine erste Festung gebaut wurde. Die ersten Elemente der heutigen Burg dürften aus dem 6. Jahrhundert nach Christus stammen. Nach und nach wuchs die Burg und wurde zum attraktiven Ziel verschiedener Herrscher, die sich jeweils um das zu große Erstarken anderer sorgten und darum zum Angriff schritten. Die Burg ging durch so manche Hände. Erst als der Platz innerhalb der Burgmauern zu knapp wurde, entstanden die heutige Altstadt Gjirokastër und erst sehr viel später die moderneren Stadtteile rings herum.
Restaurants und Bars in den Gassen von Gjirokastër
An diesem schönen Flecken Erde lässt es sich wirklich aushalten. Gemütlich schlendern wir immer wieder durch die Gassen und lassen es uns gut gehen. Leckeres Essen in hübsch gestalteten Restaurants, süßes Gebäck vom örtlichen Bäcker und Eis als Nachtisch dürfen natürlich nicht fehlen. Den Abend lassen wir bei einem Bier und einer Runde Uno mit den Kids in der Bar am Obelisk ausklingen. Dabei lässt sich wunderbar der Ausblick und Sonnenuntergang genießen.
Restaurierung der Altstadt und touristischer Ausbau
Natürlich kommt all das nicht von ungefähr. Die Restaurierung wird gezielt vorgenommen. Es wird fleißig investiert und ausgebaut. Immer wieder entdecken wir Arbeiten wie zum Beispiel den Austausch der Straßenbeleuchtung gegen stilechte Laternen in historisch anmutendem Design.
In der Bar am Obelisku i arsimit unterhalten wir uns eine Weile über die letzten Jahren. Wir erfahren, dass es vor Covid quasi keinen Tourismus gab, Gjirokastër bot etwa 10-15 Hotels. Heute, kaum 5 Jahre später, kann man knapp 500 Unterkünfte buchen, die Stadt ist prall gefühlt mit Lokalen, Shops und Souvenirläden. Die Preisesteigerungsraten liegen in Extremfällen bei bis zu 20% pro Jahr.
Übernachtung im Palorto Inn
Weil wir möglichst nahe der Alstadt sein wollen und auch einige Nächten im Dachzelt verbracht haben, entscheiden wir uns für ein Hotel. Wie wir später erfahren, hat es erst vor wenigen Wochen eröffnet, der Parkplatz ist noch geschottert, die Zufahrt wird gerade gemauert. Im Palorto Inn fühlen wir uns pudelwohl. Die Kids haben mal kurz einen Fernseher und ein Mittagschlaf für die ganze Familie ist auch drin. Frühstück gibt’s in der Altstadt in Kooperation mit Rumors Restaurant Lounge. Der kleine Laden serviert liebevoll, wenn alle Gäste gleichzeitig aufkreuzen kann es etwas dauern.
Uns gefällt es in Gjirokastër sehr. Und da am Tag zuvor nur wenig Zeit war, bleiben wir eine weitere Nacht. Zwei Tage sind definitiv zu empfehlen.
Wunderschöne Steindächer als besonderes Merkmal in Gjirokastër
Besonders begeistern uns die unvergleichlich schönen Steindächer. Erst für viel zu schwer erachtet stellen wir fest, dass sie tatsächlich aus Stein sind. Sorgfältig werden die Platten übereinander gelegt. Sie sind einzeln eingepasst, für den Ausgleich sorgen hin und wieder kleine Steine dazwischen. Verankerungen, Mörtel oder ähnliches sind überhaupt nicht zu erkennen. Durch die sorgfältige Arbeit ergibt sich ein äußerst gleichmäßiges Bild, die Dächer sehen aus wie gemalt und aus einem Guss.
Wir fragen uns, wie es um deren Stabilität und Langlebigkeit steht. Eines Tages werden wir wohl mal einen Experten dazu befragen müssen.


