Offroad in den Hotovë-Dangëlli National Park
Die erste Etappe abseits geteerter Straßen steht an. Bereits seit Çorovodë sind wir auf dem ersten unserer ausgesuchten Tracks unterwegs. À propos Tracks:
Roadbooks von Pistenkuh
Hat man wenig Ortskenntnisse und ist alleine ohne Guide unterwegs bietet es sich an, ein Roadbook mit Offroadstrecken zu verwenden. Wir haben uns von den Buchautoren und Reisebloggern Pistenkuh zwei ihrer Exemplare gesichert:
Das Pärchen, welches hinter Pistenkuh steckt, ist seit 20 Jahren offroad unterwegs und hat mit zwischenzeitlich mehreren Fahrzeugen über 600.000 km zurück gelegt. Eine stolze Strecke, auf der sie so einiges zu Gesicht bekommen haben.
Die beiden haben mittlerweile für viele Länder Bücher im Angebot. Sie beschreiben ihre Routen in Worten und Bildern. Dazu gibt es Zeitangaben, eine Klassifizierung des Schwierigkeitsgrad von 1 bis 5 und eine subjektiv Bewertung von 1 bis 5 Sternen. Das ist natürlich Geschmackssache, aber eine Route mit 5 Sternen dürfte für jeden etwas dabei haben.
Offroad I: Wir verlassen die befestigten Straßen
Als ersten Track fahren wir den S-06 aus dem Albanien Buch, SG2. Der Einstieg in die Route war bereits in Çorovodë. Es geht noch ein Stück auf der geteerten, brüchig gewordenen Straße weiter bevor wir links auf eine Schotterstraße abbiegen. Wir fahren langsam bergauf, meistens durch Wälder und Büsche umgeben. Die Strecke besteht hauptsächlich aus hoppeliger Schotterstraße, die Herausforderungen im Gelände sind gering. Die immer besser werdende Aussicht motiviert uns zu dem ein oder anderen Fotostop. Wir lassen einen Jeep passieren, der weniger trödelt. Ein junges Schweizer Pärchen. Kurz unterhalten wir uns mit den beiden und treffen sie bei deren Kaffeepause wenig später schon wieder.
Durch einen kleinen Ort begegnet uns an einer dicht bewachsenen Passage ein zerklüffteter Abschnitt. Etwa 200 Meter vor uns, fällt uns ein weißer Golf auf: Das Auto im Rückwärtsgang, eine junge Frau scheint vor dem Fahrzeug Steine wegzuräumen. Sie kämpfen sich durch, wir passieren und sprechen die beiden an. Das junge Pärchen auf Reisen kommt aus Frankreich und ist auf dem Weg nach Përmet. Route und Straßenzustand haben die beiden total unterschätzt. Ihr Mietwagen hat das Ersatzrad bereits montiert. Auf den folgenden Kilometern hält noch die ein oder anderen Schwierigkeit für sie bereit.
Die Belohnung für ihre Mühen, Ausblicke auf Berge mit unterschiedlichsten Farben und Beschaffenheiten, verpassen sie vor lauter Durchkämpfen hoffentlich nicht. Jetzt am späteren Nachmittag entfalten sich die Farben so richtig.
Frashër Rundkurs
Es geht über Raban bergab. Ein paar Kilometer weiter treffen wir auf einen kleinen Fluss, Zeit für eine kurze Pause. Noch einmal begegnen wir den beiden Schweizern, die weiter ins Tal fahren. Wenig später passieren uns vier junge Männer auf ihren Motorrädern. Mit sichtlich Spaß und wie hier fast üblich ohne Helm bewegen sie die knatternden Kisten über den Schotter den Berg hinauf.
Die Zeit ist heute schon etwas vorangeschritten. Dennoch entscheiden wir entscheiden uns, in den zweiten Track S-07 an dieser Stelle einzusteigen und den Frashër Rundkurs mit SG3 zu fahren.
Der Weg steigt wieder an. Zwei der beiden Motorradfahrer treffen wir unterwegs erneut an, diesem ihre Pause. Sie starten die Maschinen und fahren vorne weg. Unsere Reisegeschwindigkeiten ähneln sich. In einer Kurve erblicken wir ein hoch gelegene Wiesen. Von hier aus hat es den Anschein, als wäre ein Holzdach zu erkennen, viel mehr gibt auch der 10-fach Zoom des Smartphone nicht her. Ob das die Wiese mit Empfehlung zur Übernachtung sein kann? Wenig später passieren wir die Stelle, die Jungs mit den Motorrädern scheinen sie schon für sich entdeckt zu haben. Wir ziehen weiter und stellen fest, dass wir erst jetzt den Nationalpark betreten. Und kurz darauf kommt der links angekündigte Feldweg.
Übernachtung auf 1.140m
Eine Wiese auf etwa 1.140m Höhe wird unser Stellplatz für diese Nacht. Etwa 100m abseits der Strecke stehen wir auf einer kleine Kuppe mit Blick ins Tal und auf die hintereinander liegenden Bergketten. Zur Ankunft gibt es einen Kaffee aus unserer neuen Outin Espresso Maschine.
Kurz darauf läuten Glocken. Sie werden immer kräftiger, laute Männerrufe und Laute sind zu hören. Die Geräusche kommen aus dem Wald. Erst erscheint ein Hund auf der Schottstraßen, die wir vorher noch gefahren sind. Dann die ersten Ziegen. Und es werden immer mehr. Till ist gespannt, Pia eher erfüllt von Panik. Es sind immerhin locker 150 Ziegen, die da ganz dicht an uns vorbei marschieren, gucken und schnuppern. Der Ziegenhirt in unserem Alter kommt bei uns vorbei. Grüßen können wir uns, unterhalten leider nicht, da er nur albanisch spricht. Ich biete ihm ein Bier an, was keine Überzeugung braucht. Wenige Minuten später ziehen Hirte, Hund und Herde weite querfeldein bergab.
Die beiden, provisorisch mit Steine befestigten Lagerfeuerstellen lassen erahnen, dass hier hin und wieder Fahrzeuge stehen. Das inspiriert natürlich, kurzerhand zerteilen wir das herumliegende Geäst und machen uns ein kleines Feuer. Die Kids sind begeistert. Ordnungsgemäßes Auslöschen versteht sich natürlich von selbst.
Begegnung mit ein paar jungen Locals
Laut röhrend brettern zwei Allradkisten die Schotterstraße hinauf. Ein Fahrzeug biegt zu uns ein, junge Erwachsene steigen aus, wir grüßen uns. Kurz darauf kreuzt auch das zweite Auto auf. Sie scheinen den Sonnenuntergang genießen und begießen zu wollen. Nachdem das Gruppenfoto mit wackelig aufgestelltem Smartphone etwas schwierig zu sein scheint, biete ich mich als Fotograf an. Das wird dankend angenommen, wir kommen kurz ins Gespräch. Auf dem Weg zum Auto dreht eine der jungen Frauen nochmals um. Sie weißt mich auf die Waldbrandgefahr hin und bittet uns, darauf zu achten, dass unser kleines Feuer am Ende wirklich aus ist. Das finde ich sehr löblich und wundere mich über dieses Bewusstsein, wo die Umwelt doch sonst angesichts des Mülls wenig Stellenwert zu haben dürfte.
Die Nacht wird ebenso ruhig wie stock finster. Kurz vor dem ins Bett gibt es zur Belohnung einen der schönsten Sternenhimmel mit Blicken auf unserer Galaxie der Milchstraße.
Ins kleine Bergdorf Frashër
Am Morgen geht es weiter. Vorbei geht es an einer schön eingefassten Quelle und ein paar einfach gehaltenen Informationsschildern im Wald. Es geht auf herrlichem Weg durch die Berge. Tolle Aussichtspunkte und frei liegende Streckenabschnitte wechseln sich ab. Immer wieder stoppen wir kurz.
Nicht mehr lange und wir erreichen das winzige Bergdorf Frashër.
Museum und Geschichte in Frashër
Ohne zu weit in die Geschichte Albaniens abzudriften: Aus diesem Dorf stammen drei Männer, die im Verlauf des 19. Jahrhundert entscheidenden Einfluss auf die Unabhängkeit Albaniens nahmen. Sie waren Dichter, Kaufmann und Beamter als auch Publizist und engangierten sich jeweils auf eigene Weise. Die drei Frashëri-Brüder setzten sich für die Belange der Bevölkerung ein und unterstützten die Lossagung vom osamanischen Reich. Sie sind weithin bekannt, Naim Frashëri hat es auf den 100 LEK Geldschein geschafft.
Shtëpia e Tre Vëllezërve Frashëri
Im Haus der drei Frashëri-Brüder (Shtëpia e Tre Vëllezërve Frashëri) sind Büsten, Mosaikbilder, Gemälde und zahlreiche Schriftstücke ausgestellt. Als wir parken eilt ein junges Mädchen herbei. Sie schließt uns die Tür auf und lässt uns hinein. Im gut erhaltenen und gepflegten Haus erkunden wir die einzelnen Räume. Die Ausstellungsobjekte sind definitiv eines Museums würdig und wären unter anderen Umständen sicherlich auch in einem solchen untergebracht.
Alles Geschriebene ist auf albanisch vorzufinden, wir verstehen also wenig und sind entsprechend zügig durch. Bewacht werden die Schätze offensichtlich von zwei Fledermäusen. Erst sind wir erstaunt und näheren uns ganz langsam. Dann zucken wir doch etwas zusammen als eine der beiden uns um die Ohren fliegen. Die kleinen, wichtigen Lebewesen tun ja nichts, aber in geschlossenen Räumen kann man sich doch mal etwas erschrecken.
Wir verlassen das Haus und hinterlassen bei dem Mädchen einen selbst ausgedachten Eintrittspreis, obwohl es keinerlei Anzeichen einer Erwartung an einen solchen gab. Umso mehr freut sie sich über die wenigen Euro und läuft umgehend freudestrahlend davon.
Füße vertreten in Frashër
Bei einem kleinen Spaziergang erkunden wir auf dem Rundweg der Ortsstraße die wenigen Gebäude des Ortes. Wir sehen einfach Häuser, treffen Männer an, die Ziegen in einen Lastwagen verladen, und passieren ein herausstechendes, wirklich nett aussehendes Guesthouse. Entlang der Straße wachsen unendlich viele Holunder- und Brombeersträuche. Die Beeren sind angesichts des wenigen Wassers sehr klein, werden von der lokalen Bevölkerung aber überall fleißig gepflückt.
Kanioni i Langarices (Langarica Canyon)
Wir setzen unsere Fahrt fort und kommen allmählich auf die Ostseite des Rundwegs. Der Weg auf dieser Seite erfordert deutlich mehr Zeit. Die Fahrbahnbeschaffenheit ist deutlich durchwachsener. Immer wieder geht es direkt neben uns steil bergab. Abenteuerliche Brücken, wellige Streckenabschnitte und hervorstehende Felsen machen den Weg durchaus sehenswert.
Geblieben sind die grandiosen Ausblicke: zuerst auf die Berge und später in den Canyon. Der beginnt mit ein paar Serpentinen, deren Kehren geradeso zum Anhalten verpflichten. Und wenn nicht hier Drohne fliegen, wo sonst. Im Folgenden verschwindet der Weg wieder etwas mehr in den Wäldern, es geht auf und ab. Je tiefer wir kommen, je breiter wird der Canyon und er gibt immer mehr Blicke frei.
Heiße Quellen Llixhat e Bënjës
Am Ende des Abstiegs erreichen wir das Flusstal. Rechterhand finden sich die heißen Quellen Llixhat e Bënjës. Es ist später Nachmittag, wir entscheiden uns für die Übernachtung am ersten der beiden einfach gehaltenen Campingplätze. Es ist kaum etwas los und wir können die open air Waschmaschine nutzen. Zu den heißen Quellen wollen wir früh am nächsten Morgen.
Gesagt, getan: Kurz nach 8 Uhr machen wir uns auf den Weg Über den Steinwall, der gleichzeitig was Flusstal abgrenzt, gehen wir .
Maiskolben werden gegrillt, ein kleiner Getränkestand ist aufgebaut. Wir überqueren den Fluss über ein alte Steinbrücken. Vorsicht ist geboten, denn sie ist sehr holprig und besitzt kein Geländer. Die höchste Stelle in der Mitte ist ein schöner kleiner Aussichtspunkt.
Begleitet von etwas Nieselregen kletterten wir über Stock und Stein, um zum größeren der beiden Becken zu kommen. Zwischen ein paar Büschen ziehen wir Badesachen an. Das Wasser ist lauwarm. Während wir mit Pia planschen, nutzt Till die Gelegenheit sein neu erlernten Schwimmfähigkeiten auszubauen. Nieselregen und warmes Wasser ergänzen sich gut. Wir halten es eine ganze Weile aus, bevor wir rausgehen, zurück marschieren und abfahren.
Infrastruktur Baumaßnahmen
Der touristische Einschlag ist nicht zu übersehen. 15 EUR für einen sehr einfachen Campingplatz sind für albanische Verhältnisse doch schon etwas mehr. Für den Parkplatz auf der Wiese nebenan werden Gebühren fällig: 2 EUR für Autos, 5 EUR für Camper.
Noch sind die Gäste hier eher Individualtouristen und die lokale Bevölkerung. Hin und wieder kommt ein kleiner Bus, lädt Touristen ab und parkt am Campingplatz. Die Fahrer vertreiben sich dort die Wartezeit bei einem Getränk.
Auffällig sind die enormen Baumaßnahmen. Erste Gebäude stehen, verschiedene Flächen sind betoniert. Wege sind angelegt und werden im Moment gepflastert. Es sieht nach Park- und Campingflächen aus, Bäume stehen in verschiedenen Parzellen, den vermutlich zukünftigen Grünflächen. Ein Pförtnerhäuschen und kleiner Kreisel markieren ein zukünftigen Zugang zum Gelände.
Der Ausbau wirkt etwas überdimensiert. Es bleibt spannend zu sehen, wie sich der Tourismus in den nächsten Jahren entwickelt.


