Quer durch Albanien nach Kukës
Nach zwei wundervollen Strandtagen geht es quer durchs Land in den Norden Albaniens. Dort warten die albanischen Alpen auf uns. Es handelt sich dabei um die südlichen Ausläufer des dinarischen Gebirges mit den gleichzeitig höchsten Erhebungen bis auf 2.694m am Gipfel des Jezerca im Prokletije. Kukës wird der Ausgangspunkt für unsere nächste Offroad Tour. Eine Tagestour als Transferetappe bringt uns aus dem Süden Albaniens in den nördlichen Teil des Landes.
Entlang der Küste über Borsh
Wir fahren entlang der Küste und passieren die Bucht von Borsh. Erst verwöhnen und herrliche Ausblicke auf die gesamte Bucht, die sich großzügig erstreckt. Die weitestgehend unbebauten Strandabschnitte strahlen eine noch vorhandene Ruhe aus, die sonst schwer zu finden ist. Einzig eine große Baustelle lässt erahnen, wie es möglicherweise mit dem Hotelbau hier eines Tages weiter gehen könnte.
Einmal mehr begeistert uns das kräftige Blau des wunderschönen Meeres und die Tatsache, dass hinter dem Strandabschnitt und der parallel verlaufenden Straße schon nur noch Grün kommt. Die weiter nördlichen liegenden Strände dürften mit ähnlichem Charakter aufwarten, man könnte mehrere Stunden der Küste folgen.
Kurz hinter der Ortschaft Borsh verlassen wir die Küstenstraße ins Landesinnere. Die Straßen bleiben kurvenreich, werden aber zunehmend breiter bis hin zur Autobahn. Wir passieren noch einmal Durres und auch die Hauptstadt Tirana. Auf dem letzten Abschnitt fahren wir ein beeindruckend ausgebaute Autobahn. Die Verbindungsstraße in den Kosovo muss eine große Bedeutung haben, betrachtet man den Aufwand zum Bau einer Straße durch dieses Gelände. Die vielen Berge machten immense Bewegungen von purem Fels erforderlich genauso wie aufwändige Brückenbauten. Wir nutzen mit dem Tunnel eine der wenigen Mautstrecken in Albanien. Zuletzt über ein große Brücke mit braunem Stahlbogen, die den schwarzen Drin überspannt, erreichen wir die etwa 15.000 Einwohner große Kleinstadt.
Unterwegs halten wir für eine kurze, dringend notwendige Autowäsche – von Hand versteht sich.
Die kleine und kleiner werdende Stadt Kukës
Die kleine Stadt Kukës kann man gut als Versorgungspunkt nutzen. Das tun wir auch und füllen ein paar Vorräte auf. Angesichts der späten Ankunft und Faulheit, einen Stellplatz zu suchen, übernachten wir im recht günstigen Hotel Gjallica. Nichts besonderes und etwas in die Jahre gekommen, aber die Betten sind gut und sogar ein Frühstück ist dabei. Zu bieten hat der Ort nicht wirklich etwas. Insgesamt gehört die Region zu einer der ärmsten im Land. Die Gemeinden sind in den letzten 15 Jahren um bis 70% geschrumpft.
Wir machen einen kleinen Spaziergang und stellen wie so oft im Land fest, wie die Cafés zu 95% mit Männer gefüllt sind. Frauen und Kinder treffen wir vor allem am späten Nachmittag und Abend an. Selten sehen wir Pärchen oder ganze Familien unterwegs. Das Restaurant Xhamlliku ist das einzige, welches uns wirklich anspricht. Daher entscheiden wir uns dafür und speisen tatsächlich lecker. Auf dem Weg schmunzeln wir über ein Reisebüro, welches scheinbar deutsche Städte im Fokus hat – warum auch immer.
Das dinarische Gebirge
Schon die Anfahrt nach Kukës war beeindruckend. Der Weg führt durch riesige Berge und massiven Fels. Kurz vor erreichen der Stadtgrenze erhebt sich mit einer nahe geraden Front der Gjallica. Kukës, auf beiden Seite vom Wasser des Fierza-Stausee umgeben, liegt auf einer kleinen, flachen Landzunge davor.
Obwohl dieser Kalkberg mit einer Gipfelhöhe von 2.487m bereits zu den höchsten Erhebungen in Albanien gehört, treffen wir harmonische und ruhig verlaufende Gebirgsformen an. Trotz der Baumgrenze bei etwa 1.600m sind die Berg mit nach Filz anmutendem Grün fast vollständig überzogen. Die weiten Blicke über die wellenförmigen Bergrücken reichen bis in die Nachbarländer.
Das wird sich in den kommenden Tagen ändern, wenn es uns noch weiter nach Norden verschlägt. Ein gelungener Einstieg also ohne gleich am ersten Tag die ganze Schönheit zu verschlingen.
Offroad Umrundung des Gjallica
Erst am Morgen beim Quercheck der Route stellen wir fest, dass wir den Berg Gjallica umrunden werden. Wie passend, dass wir das namentlich passende Hotel Gjallica für unsere Nacht ausgewählt hatten. Nach typisch albanischem Frühstück mit Petulla (frittierter Hefeteig ähnlich deutschem Fastnachtsgebäck), Omelette, Tomate, Gurke, Käse und Brötchen geht es los.
Wir haben es aus dem Buch Berge des Balkans auf die Route AL2 abgesehen. Der Wetterbericht lässt für heute ab Nachmittag Regen erwarten. Die Mengenangaben unterscheiden sich je nach Quelle deutlich. Aufgrund des Hinweis zu Rutschgefahr bei Regen sind wir vorsichtig und fahren früh los.
Nach dem Ortsausgang steigen wir bei einem E-Werk um auf lose Wege. Beim kurzen Stop schmunzeln wir über den Stuttgarter CLA, der hier geparkt ist. Es geht kurvig bergauf – erst durch bewaldetes Gebiet, später lichtet es sich zusehends. Steile Felswände, Abgründe und ein paar Engstellen machen die Strecke ganz interessant zu fahren. Immer wieder blicken wir zurück ins Tal, auf die Serpentinen und das kleiner werdende E-Werk im Tal.
Kurz nach dem Fotostop bei einem hübschen Pferd treffen wir im kleinen Dorf Oreshkë am Straßenrand einen Mann und Kinder. Ein Pferd steht dabei, ausgestattet mit Sattel und Behältnissen auf beiden Seiten. Der junge Mann füllt mit einer Schaufel sandähnliches Material ein. Bei näherer Betrachtung erkennen wir das etwa 30 Meter über uns ein Haus gebaut wird. Wir steigen kurz aus, grüßen die Kinder und nach kurzer Zeit sitzt Till freudestrahlend auf dem Pferd. Das junge Mädchen, vermutlich die Tochter, führt das Pferd danach auf einem kleinen Weg mit Serpentinen nach oben. Wir bedanken uns mit etwas Taschengeld für die Kinder und fahren von dannen. Es geht weiter bergauf.
Mittagspause an der Grenze zum Kosovo
Bis auf 100 Meter kommen wir an die Grenze zum Kosovo heran. Wir parken auf dem Parkplatz des verlassenen Restaurant direkt vor dem Grenzposten. Als kleinen Snack vespern wir etwas Obst an einem verwitterten Tisch dahinter. Uns irritiert der Spielplatz. Vieles ist etwas herunter gekommen und zerfallen. Die Kletterwand hingegen erstrahlt in perfektem Glanz. Uns fällt ein Schild auf. Offenbar eine gemeinsame Investition unter Beteiligung der EU. Warum auch immer und wir fragen uns für wen?
Auffällig sind auch die drei Spitzhütten, die vor nicht allzu langer Zeit gebaut wurden. Ob hier wirklich Touristen nächtigen? Wir bezweifeln es. Sie sind verschlossen, Informationen finden wir keine. Aus dem allein stehenden WC Häuschen im gleichen Baustil läuft das Wasser heraus. Nett sehen sie im Inneren aber aus.
Auf einer kleinen Anhöhe genießen wir einen letzten Blick auf den zurück gelegten Weg bevor wir auf die andere Flanke wechseln.
Weiter über Shishtavec und eine kleine Hochebene
Wir kreuzen die Straße zur Grenze, folgenden dem für kurze Zeit geteerten Weg in die kleine Ortschaft Shishtavec. Wir schmunzeln über das etwas fremd wirkenden Winterdienst Fahrzeug, welches seine besten Zeiten wohl hinter sich hat. Nach dem holprigen Marktplatz wechseln wir wieder auf losen Untergrund. An einer Gabelung müssen kurz genau hinsehen um den richtigen Weg zu finden, halten uns dann aber richtigerweise rechts über das lose rechts wild zusammengeschobene Geröll. Wir folgen der Straße, die immer wieder die Beschaffenheit stark ändert. Wir durchfahren Buschwerk, passieren zwischen Feldern und kreuzen den ein oder anderen Bach. Das Wasser ist klar, meist sehr kalt und fließt auch schon mal hundert Meter auf ganzer Fahrbahnbreite den Weg entlang.
Später erreichen wir eine kleine Hochebene. Das Wetter hat sich bereits verschlechtert, es herrscht eine besondere Stimmung mit kontrastreichen Himmelsfarben. Die Harmonie mit den dunklen Grün- und hellen Ockerfarbtönen ist perfekt. Wir schießen ein paar Bilder und setzen unseren Weg fort. Immer wieder tröpfelt es, viel mehr wird es erst einmal nicht. Im südöstlichen Teil der Route geht es langsam wieder bergab. Hin und wieder entdecken wir alte halbrunde Bunkeranlagen aus den 70ern und 80ern. Am Ende unserer Route verlieren wir weiter an Höhe und fahren zurück ins Tal des schwarzen Drin. Bereits von weitem ist der Flughafen Kukës auf der Talsohle zu erkennen. Unsere Route endet bei Kolesjan.
Transfer nach Tropojë
Angesichts des regnerischen Wetters entscheiden wir uns, noch heute den Transfer nach Tropojë zu machen. Hier liegt der Ausgangspunkt für unsere dritte Offroad Etappe. Die kurvige Strecke nimmt viel Zeit in Anspruch. Der bedeckte Himmel, die tiefen Wolken und das wechselhafte Licht lassen die Farben intensiv leuchten. Wir halten an einem kleinen, gemauerten Ein-Zimmer-Market mit Eis-Werbung an. In der bestens gefüllten Eistruhe mit großer Auswahl greifen wir zu. Wir geben etwas Trinkgeld und bekommen auch noch zwei weitere Eis in die Hand gedrückt. Wir bedanken uns vielfach und verabschieden uns.
In Tropojë übernachten wir privat im einfachen Aste Guesthouse. Das Apartment mit drei separat vermieteten Zimmern und Gemeinschafts-Esszimmer im Großmutterstil steht uns heute allein zur Verfügung. Die beiden Kühe vor der Haustüre bewachen das Auto, wir nächtigen ganz entspannt bei dunkelster Nacht und absoluter Ruhe. Die Dame des Hauses serviert uns am Morgen in Schürze ein liebevolles Frühstück mit frisch gebrühtem Tee.

